Textatelier
BLOG vom: 03.04.2005

Ausstellung in London: Die Türken sind gekommen

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London

Ich lebe in London und verpasse leider immer wieder wunderbare Ausstellungen. Eine jedoch liess ich mir nicht entgehen: “TURKS – A journey of a thousand years, 600−1600.” Gestern reihten wir uns der Warteschlange vor dem Hauptportal der “Royal Academy of Arts“ (nahe beim Piccadilly) ein. 3 Stunden lang bewunderte ich die Schätze aus dem weit verzweigten Ottomanischen Reich, von wichtigen Kollektionen aus aller Welt bestückt – siehe www.turks.org.

 

Ganz besonders fesselten mich die kalligraphischen Kleinode auf persisch und arabisch – die „Inkunabeln“ des Ostens –, von der Türkei bis tief in Zentralasien reichend, die teils den geschichtlichen, teils den islamischen Hintergrund aufdecken. Dabei hat mir meine Frau geholfen und mir diese und jene Sure aus dem Koran übersetzt, denn ohne Steigbügel fällt es schwer, sich selbst oberflächlich in dieser Gedankenwelt zurechtzufinden.

 

Die Ornamentik ist strenger Gesetzmässigkeit unterworfen – eine wahre Symphonie der Symbolik −, doch immer wieder durch Variationen (wie in der Kalligraphie) aufgelockert. Das springt einem beim Betrachten der Iznik-Keramik ganz besonders in die Augen. Iznik − oder Nicea in Anatolien − wurzelt 2400 Jahre tief in der Geschichte und ist auch eine heilige Stätte des Christentums. Dort wurden auch die Wandfliesen für die Moscheen hergestellt.

 

Plötzlich lebte die Geschichte für mich auf! 4 ineinander übergreifende Fliesen entlockten mir Jubel. Sie glichen fast aufs Haar den 2 Fliesen, die ich auf merkwürdige Art vor kleinen Vandalen gerettet hatte: Lange bevor sich Rhodos dem Massentourismus und den Säuferbanden hingab, habe ich dort Ferien verbracht. Auf einem Streifzug näherte ich mich der 2. Moscheen-Kuppel in Rhodos. Ich hörte Kindergeschrei aus dem Innenraum. Neugierig bahnte ich mir den Weg durchs Gestrüpp zur Ruine. Von der Kuppel hing an einem langen Seil ein Autoreifen. Buben schwangen darauf hin und her und zielten vergnügt mit Steinen auf die letzten Fliesen. Der Boden war mit Bruchstücken ihrer Meisterwürfe übersät.

 

Ich klaubte Drachmen aus der Tasche und gewann ihre Aufmerksamkeit. Dank meiner Zeichensprache verstanden sie bald, was ich wollte. Ich deutete gegen die beiden letzten unbeschädigten Fliesen hoch oben an der Wand. Einer der Buben stemmte mit einer Astgabel den Pneu gegen die Wand. Der andere kletterte flink am Seil hoch. Ich bangte um seinen Hals – und natürlich auch um die Fliesen. Es gelang ihm, sie von der Wand zu lösen. Der 3. im Bund fing sie geschickt auf. Der Tauschhandel vollzog sich zur Freude aller Beteiligten. Ich umwickelte die Fliesen draussen in Papierfetzen und entkam wie ein Schatzräuber. Ein schlechtes Gewissen machte ich mir nicht: Wie so oft in meinem Leben habe ich etwas von der Vergangenheit gerettet!

 

Mit mir zufrieden verliess ich die Ausstellung, die Besucher aus aller Welt herbeilockt. Für die „Türken“ aber müssten Sie sich beeilen. Sie verlassen die „Royal Academy“ am 12. April 2005. Zum Trost kommen laufend neue verlockende Ausstellungen nach London.

 

Mein Vorsatz ist gefasst: Ebenfalls in der „Royal Academy“ werde ich demnächst die Ausstellung „Matisse – His Art & His Textiles“ besuchen. Ich freue mich schon jetzt darauf.

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